Leseprobe

Jon S. Wind
Seyd Master
Band 1
 
Die Reise nach Merdia (Die komplette Geschichte ist Im Kindle-Shop bei Amazon verfügbar)
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Ein Seyd ist in der Lage, seinen Geist mit Hilfe des Redans, jene Energie, die in jedem Lebewesen innewohnt, freizusetzen und zu kontrollieren. 

 

Prolog: 

Beginn der Bedrohung 

 

 

 

Der Horizont war in Dunkelheit gehüllt. Graue Wolken, die durch gewaltige schimmernde Blitze durchschnitten wurden, zogen am Himmel vorüber und der Regen prasselte auf die Weltlande herab. 

   Feuer legte die Wälder in ein riesiges Inferno. 

Aus der Ferne erblickte man ein Dorf, das in einem Meer aus Flammen lag. Die Dorfbewohner mussten aus ihren Häusern fliehen, in der Hoffnung, dem Unheil, welches sie ereilte, noch zu entrinnen. 

In schwarz gekleidete Gestalten bestürmten ungehindert das Tor. Ihre Gesichter waren schwarz bedeckt, bis auf die Augen, die ohne jegliche Emotionen waren. Sie trugen blank polierte Schwerter auf ihren Rücken und ritten auf Pferden, deren pechschwarzes Fell mit Silber beschlagen war, durch Wasserlachen hindurch. 

   Lodernde Fackeln fielen durch Fensterrahmen. Dielen lösten sich und Häuser stürzten in sich zusammen, als die Flammen das Holz langsam verzehrten. 

   Hunderte von Dorfbewohner fielen den Flammen und Schwertern zum Opfer. 

   Die Zeit rann dahin und die schwarzen Reiter ritten von dannen. Und zurück blieb nichts als endloses Schweigen. 

   Dieser Vorfall ereignete sich vor langer Zeit. Seither war viel geschehen.
 

Kapitel 1 

Das Dorf Mitas 

 

 

 

In der Region Arakj, die sich im Nordwesten von Arand befand, lag das Dorf Mitas eingebettet in ein Meer aus Wiesen. Der natürliche Duft von Pflanzen und Gräsern erfüllte die frische Morgenluft, die über die Felder strömte, während das saftige Grün im Wind wog. 

   Aus dem grünbewachsenen Boden wuchsen vier Holzpflöcke hervor, um die ein Dutzend Dorfbewohner standen und einem kämpferischen Schauspiel zwischen zwei Personen beiwohnten. 

   Einer von Ihnen war Tiro. Ein kleiner Junge mit strahlend blauen Augen und zerzaustem braunem Haar in einer grob gewebten Tunika mit langen Ärmeln, darunter trug er eine einfache Hose und einfache Stiefel. 

Die andere Person war Feron. Ein Mann von fünfunddreißig Jahren. Er trug ebenfalls eine Tunika und überragte Tiro um zwei ganze Kopflängen und besaß schwarzes kurzes Haar. Unzählige Strähnen fielen an seiner Stirn herunter, so dass keine verräterische Ecke mehr zu sehen war. 

Tiro hatte nun das zwölfte Lebensalter erreicht und wurde bereits mit zehn Jahren in der Schwertkunst unterwiesen, um draußen in der Welt zu bestehen. 

Sie kämpften mit Schwertern, die speziell zu Trainingszwecken benutzt wurden. In ihren Händen hielt jeder einen einfachen Zweihänder mit stumpfer Klinge. 

Mit tiefem Gebrüll und mit beiden Händen am Griff rannte Tiro auf seinen Gegner zu und schwang das Eisen. 

Stahl traf auf Stahl. 

Das Schwert glitt aus Tiros Fingern und flog im hohen Bogen durch die Luft und landete mit dumpfem Klang im Grünen, während der Wind umher pfiff. 

Mit erschrocken geweiteten Augen blickte er auf die Klingenspitze seines Gegners und fiel mit dem Hosenboden vor Schreck ins weiche Gras. 

Danach ließ Feron langsam das Schwert zurück in die 

 Scheide gleiten, die an seinem Gürtel befestigt war, den er um seine Hüften trug.

»Du warst schon wieder zu langsam. Du bist viel zu unkonzentriert. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du den richtigen Moment abwarten sollst. Dein Ungestüm und deine Leichtsinnigkeit stellen ein großes Hindernis dar. Du solltest lernen, die Situation besser einzuschätzen«, sagte er zu dem am Boden sitzenden Jungen. 

 

Tiros Blick senkte sich und seine Finger umklammerten fest das Gras um ihn herum. Zähneknirschend sprang sein Blick auf. Er wollte gerade etwas sagen, doch es blieb stattdessen bei einem tiefen Seufzen. 

Dann ging Feron mit langsamen Schritten auf Tiro zu, beugte sich nieder und legte die Hand auf die Schulter des Jungen und sagte zu ihm sanft: »Unüberlegte Handlungen können eine Gefahr für deine Mitmenschen bedeuten, das darfst du nie vergessen.« 

Er löste die Hand von der Schulter, woraufhin Tiro missgelaunt den Platz verließ. 

»Nächstes Mal schlägst du ihn.« 

»Nicht unterkriegen lassen, hörst du?«, riefen ihm die Dorfbewohner immer wieder zu. Mit diesen Worten konnten sie des Öfteren ihm ein Lächeln entlocken, das die Zuversicht in ihm bestärkte. Einerseits waren diese Zurufe aufmunternd,  

andererseits waren es nur Worte. Worte, die allein jedoch keine Tat umzusetzen vermochten. 

Enttäuscht ging er langsam in Richtung Dorfmitte. Feron kratzte sich währenddessen ungeniert die Stirn, bevor auch er das Gelände verließ. 

Völlig verärgert und schniefend vor Zorn verschränkte Tiro die Arme vor der Brust. Auf seinem Weg trat er einen 

 Kieselstein vor sich her und starrte gedankenversunken zum Boden. 

Er hat noch einen weiten Weg vor sich, dachte sich Feron, während er dem Jungen hinterher sah. 

 

Das Dorf war von einer hohen Mauer umgeben, die mit einem ebenso hohen Eingangstor aus massivem Eichenholz verbunden war. 

Hinter dem Tor führten steinerne Fußwege durch das Dorf. Wege führten rauf und runter oder sie lagen auf einer geraden Linie. Eine Harmonisierung von Ebenen, wie Mutter Natur es eben vorgesehen hatte. Steintreppen waren im Erdboden versunken, die den Auf- und Abstieg erleichterten. Häuser aus festem Stein mit Dächern aus honigbraunen Dachschindeln saßen zwischen den Gräsern auf unterschiedlichsten Höhen und Tiefen. Einige waren klein, andere wiederum groß. Jedes hatte seinen ganz eigenen Charme. 

Kleine künstlich angebaute Seen, deren Ränder mit Steinen gepflastert waren, lagen zwischen Bäumen, die ebenso in den Hausgärten und am Wegesrand standen. 
Und hohe Kiefern und Lärchen mit festem Stamm saßen im Erdreich entlang an dichten Heckenzäunen, die schmale, gegabelte Wege bildeten. 

Im Zentrum des Dorfes stand auf einem Steinsockel in einem Brunnen, der mit Flusswasser befüllt war, eine in weißem Stein gemauerte Statue. Sie zeigte das Abbild eines Kriegers in einer Seyd-Uniform, der sich mit gebückter Haltung, die Hände um den Griff geschlungen, auf ein Schwert stützte, so dass es senkrecht mit der Klingenspitze im Stein versank. 
An dem Steinsockel war eine silberne Tafel befestigt, mit einer Inschrift darauf eingraviert. Und darauf stand Folgendes geschrieben: 

 

De Sandel ri agartes di peres Voltor do den Verias se re Tanyar esrati den 

Ehrwei di Eltast sidenn ne Hardi de Verias elia me. 

 

 

 

Der Name des Kriegers war mit Magie versiegelt. Ein unsichtbarer Streifen verdeckte den vollen Namen. 

Tiro blieb oft vor der Statue stehen, wenn er an ihr vorbeiging. Er sah dann immer vor sich einen tapferen, furchtlosen Kämpfer der Gerechtigkeit und einen großen Helden. Wer dieser Krieger war, wusste er allerdings nicht. Aber jedes Mal, wenn er zu ihr, mit großen leuchtenden Augen nach oben starrte, entfuhr ihm ein sanftes Lächeln und stellte sich oft insgeheim vor, dass sein Gesicht anstelle des unbekannten Helden zu sehen war, wie auch in diesem Augenblick. Und hoffte, dass eines Tages auch für ihn einmal ein Denkmal errichtet werden würde. 

 

An einem frühen Morgen, an dem noch kaum Licht ins Land geworfen wurde und der Sonnenaufgang unmittelbar heranrückte, ging Feron die vielen steinernen Stufen des Dorfberges hinauf und schaute mit gesenkten Armen vom Rand der grau-weißen Klippe zu den Häusern hinunter. 

»Er hat noch einen weiten Weg vor sich. Sein Ungestüm und sein Leichtsinn werden noch zu einem echten Problem werden«, sagte er. 

Dann näherte sich ihm ein alter Mann und trat langsam an ihm heran. »Sei nicht so streng mit ihm. Ich kann mich gut an einen jungen Mann erinnern, der in seinem Alter auch ungestüm und voller Leichtsinn war und vor allem ein äußerst hitziges Gemüt besaß«, waren die Worte des Dorfältesten. Ein krauser, langer Bart hing an seinem Kinn herunter. Er war so grau wie Asche, wie auch der Oberlippenbart, der die Form einer nach unten gebogenen Mondsichel besaß. Er trug eine braune Robe und auf dem Kopf wuchs graues, kurzes Haar. In der Hand hielt er einen langen Knotenstock, der aus massivem Holz gefertigt war. Dieser diente ihm als Gehhilfe.
 



 

Feron verzog die Miene und wendeten seinen Blick ab, als wollte er diese Worte bewusst nicht hören. 

Lachend blickte der Dorfälteste daraufhin dem rotgetauchten Sonnenaufgang am Horizont erwartend entgegen, um die darauffolgende Sonne willkommen zu heißen, die ihre leuchtenden Fühler auswarf und ganz Arand erstrahlen ließ. 

 

Unweit des Dorfes im Norden ragten einst die Burgtürme empor und das riesige Eisentor ließ nur demjenigen Einlass gewähren, der eine Genehmigung vorbringen konnte. Unzählige Schlachten tobten in und außerhalb des Burghofes. Blut, Schweiß und Tränen wurden vergossen, als finstere Zeiten herrschten und die Burgmauern aus ihrem ruhigen Schlaf riss. An der einst undurchdringlichen Festung hinterblieben Narben, so tief, dass von ihr nur noch eine Ruine geblieben war. Stolze, im Erdboden versunkene Mauern wiesen breite Lücken auf und waren bereits durch die Zeit verblichen. Kein Stein lag mehr auf dem anderen, ungeordnet, wie deformierte Reißzähne eines Wolfes. Hoch oben über dem höchsten Turm flatterte einst wild ein Banner an einem Mast, der hinauf in den Himmel reichte. Doch diese Zeit war lange her. 

 

Das Haus von Feron lag in der Dorfmitte, umgeben von anderen Häusern. Innen führte eine Treppe nach oben in ein kleines, beschaulich eingerichtetes Zimmer. 

Als er den Raum betrat, starrte Tiro gedankenversunken mit leuchtenden Augen auf den Schwerthalter an der Wand, der  

in seinen hölzernen Armen ein Schwert hielt. Es saß in einer goldbraunen Scheide. Der Rand der Öffnung war rundherum mit silbernen Steinen besetzt. 

Mit leichtem Griff löste er das Metall aus der Öffnung und hielt nun ein Langschwert in seinen Händen. Er sah vom Heft unten bis nach oben zum Ende der Klinge entlang, welche fünf Finger breit war. Der Knauf bestand aus purem Eisen und um den Griff schmiegte sich ein ledernes Band. Am Anfang der Klinge führte bis zur Spitze eine feine Narbe entlang, die elegant geschwungen im Stahl eingeprägt war. Bewundernd blieb sein Blick auf dem Schwert hängen. 

Jeden Morgen vollzog er dieses Ritual und steckte die Klinge wieder sanft in die Scheide zurück. Trotz seiner Länge und Größe wog es gerade mal halb so viel wie ein gewöhnliches Langschwert, weshalb Tiro keine Probleme hatte, es zu stemmen. Doch sicher in den Händen sah anders aus, denn das Gewicht, trotz des großen Unterschiedes zu herkömmlichen Schwertern, ließ ihn unsicher auf den Beinen wirken. Er musste erstmal damit vernünftig umgehen, bevor er sich der weiten Welt stellen konnte. Feron untersagte ihm jedoch, damit zu trainieren. Er dürfte es erst führen, wenn er alt genug dafür war. Das war die Bedingung und Tiro gab darauf ein mündliches Versprechen ab. Er konnte den Tag kaum erwarten, an dem er damit die verschiedenen Kreaturen in den Wäldern niederstrecken würde. 

Der Name dieses Schwertes lautete "Fenn Rihr", was so viel wie Mondschein in der altmerdianischen Sprache bedeutete. 

Die Klinge war härter als der härteste Fels und so scharf wie der schneidende Wind. Zumindest behauptete dies Feron. Doch um die wahre Stärke zu erfahren, musste er sie erst einmal führen können. 

Aber dies war nicht alles, was die vier Wände zu bieten 

 hatten. Denn neben dem Schwerthalter saß in der Wand ein Regal, auf dem ein paar Bücher standen, die aus der Dorfbibliothek stammten. Und so trieb es ihn hin und wieder dorthin. 

Mit einem Buch unter dem Arm geklemmt, machte er sich auch dieses Mal auf den Weg zu ihr. Das Haus lag etwas abseits von den anderen Häusern entfernt. Als er vor der Tür ankam, schnappte er nach dem silbernen Griff und zog die linke Flügeltür auf, die anfing zu stöhnen, als wäre hier seit Jahrhunderten niemand mehr ein und aus gegangen. 

Seine Schritte hallten durch den großen Raum, als er über die Steinfliesen schritt. Tiros Augen wanderten, wie jedes Mal, sobald er die Bibliothek betrat, begeisternd im Raum umher. 

Er war umgeben von abertausenden Büchern, gespickt in den unterschiedlichsten Farben und Größen. Hier war das Wissen vergangener und heutiger Generationen der Weltlande enthalten. 

Mit dem Buch unterm Arm trat er vor den Tresen und legte es sanft nieder. Er streckte den Hals nach vorne, schwang den Kopf zur Seite und wartete ungeduldig. 

»Ich komme schon, ich habe euch bereits gehört. Diese alten Ohren vernehmen selbst noch die Laute eines Schleichers«, rief Berton mit kratziger Stimme von einem kleinen Raum aus und schritt zu dem Tresen. 

Berton, der Verwalter, kümmerte sich schon sein halbes  

Leben lang um die Bibliothek. Kaum ein Staubkorn blieb auf den Einbänden zurück. Mit äußerster Sorgfalt behandelte er die Bücher und kannte bereits unzählige auswendig. Er besaß ein umfangreiches Wissen und war ein Mann Mitte 

 fünfzig. Er hatte schütteres graues Haar und darunter ein freundliches Lächeln, das alles andere als aufgesetzt wirkte. Es war ehrlich und nicht aus falscher Freundlichkeit erzwungen. Er trug eine braune weit geschnittene Kutte, wie man sie beispielsweise von Mönchen her kennt. 

»Ah, Tiro, wie schön, dich zu sehen. Und, wie hat dir das Buch gefallen?«, fragte er mit kratziger Stimme, während seine Augen sich noch im Halbschlaf befanden. Berton mochte Tiro und freute sich jedes Mal aufs Neue, wenn der Junge ein Buch auslieh. Es geschah immer seltener, dass Leute sich für Bücher interessierten. So war es für ihn ein kleiner Trost, dass zumindest Tiro seinen Geist förderte. Denn die mit Wissen gefüllte Halle blieb nämlich oft menschenleer. 

Bertons Blick blieb auf der Vorderseite des Einbands hängen. »Ah, "Die Mythen über Borks" ein sehr umstrittenes Buch.«    

»Was heißt hier umstritten, falls sie tatsächlich existieren würden, hätte man ihre Existenz bereits bestätigt.«  

»Du musst noch viel über die Welt da draußen lernen. Nur weil keines dieser Wesen gesehen wurde, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht existieren. Luft existiert auch, obwohl man sie nicht sieht und doch ist sie da.« 

Die Worte brachten Tiro kurz zum Nachdenken, ehe er sich den Bücherregalen zuwandte. Er lief von Regal zu Regal und entdeckte schließlich ein weiteres Buch, das ihm vor Neugier ins Auge fiel und marschierte damit zu Berton zurück, der in ruhigem Takt zu einem der Regale ging und das Buch "Die Mythen über Borks" in eine freie Lücke schob. Danach ging er wieder in den kleinen Nebenraum, von dem er zuvor gekommen 

 war, während Tiro ihm mit dem Buch in der Hand folgte. 

»Es ist schon wieder leer, keine Menschenseele«, stellte Tiro fest, als sein Blick sorgfältig im Raum kreiste und er die unbesetzten Stühle sah, die unter die Tische geschoben waren. 

Berton rührte sich nicht und blieb vor einem Holzsessel still stehen. »Ja, leider, den Menschen durstet es offenbar nicht mehr nach Wissen. »Mit zunehmender Zeit und anderen Dingen beschäftigt, wächst auch das Desinteresse. Kaum einer interessiert sich noch heute für Bücher.« 

Er senkte die Knie und versank in den kleinen Holzsessel und bat mit offener Hand nach Tiros Buch. Auf einem Tisch lagen ein paar Arbeitsutensilien: ein abgenutztes Protokollbuch, eine angerissene Feder und ein leicht beschädigtes Tuschefass. 

Berton nahm die Feder vom Tisch, tränkte sie mit schwarzer Tusche und ließ die Spitze über eine aufgeschlagene Seite im Protokollbuch gleiten. Anschließend gab er Tiro das Buch zurück. 

»Es tut mir leid, dass ich das Thema ansprach, war wirklich nicht meine Absicht«, sagte Tiro leicht von Reue gezeichnet. 

»Ach, mach dir darüber keine Gedanken. Manchmal läuft es einfach nicht so, wie man es gerne hätte. Trotz allem darf man die Hoffnung nicht verlieren, dann kommen auch irgendwann bessere Tage.« 

Nach diesem Satz entfuhr Berton ein erneutes Lächeln. 

 

Seit Tiro lesen konnte, war er fasziniert von Büchern und lieh sich immer mal wieder ein Buch in der Dorfbibliothek aus, studierte die Magiekunde und die Kampfkünste. Er verbrachte Tag und Nacht, schlug seinen Kopf in die Bücher und verleibte sich jede einzelne Silbe ein, sorgsam durchblätterte er dabei die Seiten ruhig und beharrlich. Er las auch von den großen Kriegern, die über die Weltlande streiften und ihre Klingen zum Wohle der Menschheit schwangen. Diese Krieger wurden Seyds genannt und gehörten dem Eisernen Drachenorden an. Sie erfüllten verschiedene Aufträge, um die Sicherheit in den Weltlanden zu wahren. 

   Das Hauptquartier saß in Roronie, dies war der Name einer Festung, die im Land Merdia lag. Dort war es möglich, die Prüfung zum Seyd zu absolvieren. Er träumte seit er klein war schon davon, einer von ihnen zu werden. Sein wahrer Traum war aber ein anderer. Ein hochrangiger Seyd zu werden – ein Seyd-Meister. Die hohe Elite des Eisernen Drachenordens. Sie waren für ihn Helden und er versank stets in tiefer Bewunderung, wenn er über sie las. 

Manchmal, wenn es draußen anfing, wie aus Kübeln zu strömen, blieb er stundenlang in der Bibliothek und ließ den Lärm, der von draußen drang, hinter sich und schmökerte unbeirrbar weiter. 

Doch an jenen Tag wurde der Lärm unüberhörbar. 

Blitze schnellten durch den Himmel und durchschlugen die Wolkendecke. 

Tiro entschloss sich trotz allem, sich doch noch auf den Rückweg zu machen. Er schlug die Bücher zu und stellte sie wieder an ihren ursprünglichen Platz im Regal zurück, packte seinen Mantel, warf die Kapuze über den Kopf und ging hinaus ins Freie. 

Es donnerte und krachte unaufhörlich. Blitze zuckten am 

Horizont entlang und starke Windböen ließen die Äste und Zweige der Bäume erzittern. 

Mit den Ellenbogen schützend und mit tränenden Augen schlug er sich durch die stürmische Windmasse. Tiro tat sich schwer voranzukommen. Fast wie in Zeitlupe ging er Schritt für Schritt, wie eine unsichtbare Wand schien der Wind zu sein. 

Dann ein lautes Krachen. Ein Baum am Wegesrand wurde von einem grellen Licht, das vom Himmel fiel, durchschnitten. 

Tiros Herzschlag schnellte unweigerlich in die Höhe und er kam nur schwer zur Ruhe. Zwei Meter weiter links und nicht der Baum, sondern er wäre das Opfer geworden. 

Als er zu Hause ankam, ging er die sieben Stufen hinauf und öffnete die Tür. An der Türklinke liefen die Wassertropfen hinunter, wie Morgentau an einem Blatt. 

Im Esszimmer saßen Feron und Torwall zusammen, tranken ein paar Biere und ließen ihren Worten freien Lauf. Sie kannten sich schon sehr lange und waren einander gut befreundet. Sie sprachen über Altes und Neues in der Welt. Von der Statur her hätten die beiden nicht unterschiedlicher sein können. 

Torwall war ein Fass von einem Mann in einem braunen achselfreien Hemd und war einen halben Kopf größer als Feron. Er besaß kurzes lockiges braunes Haar.
 



 Doch seinen mächtigen Bauchumfang machte er durch seine unglaublich kräftigen Arme wieder wett. Er war ein höchst freudiger Geselle und lachte viel und ausgiebig. 

 

»Ha! Ha! Ha! Wie siehst du denn aus, da hat dir der 

Himmel wohl einen Streich gespielt«, lachte Torwall herzhaft und schlug mit der offenen Handfläche mehrmals auf seine Oberschenkel, als er den völlig durchnässten Tiro sah. 

Feron begann zu schmunzeln und verschloss dabei die Augen, während er seinen Bierkrug hielt und an ihm sanft nippte. 

»Was gibt es da zu lachen? Mich hätte beinahe am "Überweg" der Blitz getroffen!«, klagte Tiro mit lauter Stimme, während die Tropfen an seiner Kleidung nur so hinunterrannen. 

»Hah, was regst du dich so auf, du bist doch noch am Leben, alles andere ist unwichtig«, sagte Torwall. 

Feron verschloss die Augen und stellte langsam den Krug beiseite und sprach: »So etwas kann immer mal passieren. Niemand ist vor den Naturgewalten am Himmel sicher. Geschweige denn vor dem Schicksal, doch wäre es dein Schicksal gewesen, würdest du nicht tobend und völlig durchnässt hier stehen und deine Wut zum Ausdruck bringen«, erklärte Feron. 

Die Worte von Feron waren für Tiro nichts als unbedeutende Worte und schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Beleidigt zog er sich durchnässt am Treppengeländer die Stufen hinauf. Tropfen fielen leise zu Boden und in ungleichmäßigen Abständen auf die hölzernen Stufen. 

Er schälte sich aus seinen Klamotten, trocknete mit einem großen Tuch seinen nassen Körper und fiel erschöpft auf die weiche Federmatratze. 

Als die Stunden vergingen und die Sterne am Himmelsgewölbe aufblitzten, kam Feron ins Zimmer hinein, als 

 dessen Gast und Freund den Heimweg antrat. Er sah den Jungen mit dem Kopf im Federkissen vergraben und im bereits tiefen Schlaf gefallen. Er nahm einen Moment lang auf einem Holzstuhl Platz und beobachtete ihn eine gewisse Zeit. Da, wo ihm zuvor ein trotziges Kind in die Augen gefallen war, blickte er nun auf einen Jungen, der seelenruhig den Schlaf genoss, sanft ein- und ausatmete und die Sorgen des Tages verbannte. Dann richtete sich Feron auf und verließ schließlich nach einem kurzen Blick über die Schulter wieder das Zimmer. 

 

Die Taverne »Der Große Bär« war immer recht gut besucht und heute ganz besonders, da ein großes Fest stattfand. Sie war groß und geräumig. Tiro war hier oft am Tag, wenn die Sonne in Mitas hinter den Tälern aufstieg. Sobald es ein Dorffest gab, strömten die Massen, wie eine aufgescheuchte Büffelherde, hinein. 

Woldor, der Wirt, ein glatzköpfiger Mann mit normaler Statur, hatte allerhand zu tun. Doch das kümmerte ihn kaum, denn sein Motto lautete: keine Gäste, kein Geld. 

Er hatte strikte Regeln, die eingehalten werden mussten, dies verlangte er von jedem Gast. Denn würde er keine Regeln aufstellen, würde schnell das blanke Chaos um ihn herum ausbrechen, und das galt es zu vermeiden. 

Erstens: Geprügelt wird draußen. 

Zweitens: kein Geld, keine Bewirtung. 

Und drittens: Wer etwas kaputt macht, muss es auch bezahlen. 

Dutzende Bewohner verirrte es hier her, von Bauern über Soldaten bis hin zu Seyds, die von fern herkamen. Aber auch reisende Geschichtenerzähler, die ihre Kunde in die Länder 

 der Welt hinaustrugen und unter die Dorfbewohner brachten. 

Jedes Mal, wenn ihre Stimmen laut wurden, horchte Tiro aufmerksam ihren Worten. Sie erzählten von einem Land, das jenseits ihrer Welt lag: das Land Eritianien. Tief im Westen, fern von Arand. Von den weißen großen Hallen im  

Norden Erenias und den Magiequellen in Borde Wan. Sie berichteten von Häusern aus Kristallbernastin, die auf hohen Bergen saßen, hinter dem Stahngebirge, tief im Stein versunken, umringt von Hügeln und Tälern. Ein Haus schöner als das andere, glänzend, so dass man regelrecht in der Lage war, sich in den Mauerfassaden zu spiegeln. 

Ein gigantisches Schloss ruhte auf der Spitze des Garda Mon, dem höchsten Berg des Landes. Dort gab es Türme, die durch die Himmelsdecke schossen und Dächer, die wie riesige Lanzenspitzen herausragten. Flüsse und Seen schimmerten, als wären die Sterne am Nachthimmel selbst hineingetaucht. 

Edel, stolz und selbstlos im Verhalten. So wird das Volk beschrieben, das bereits vor dem zweiten Zeitalter existierte, als noch mächtige Wesen über die Weltlande mit wachsamen Augen hinwegflogen und ihre Überlegenheit hinausbrüllten. Man nennt diese Wesen auch Drachen. Von denen heute keiner mehr existierte. 

Doch … Einer existierte noch. In den Eiswüsten hoch oben in Wargorn im Inneren des Schutzwallberges. Dort gehalten in unsichtbaren Schlingen. 

 

Drache der Zeit genannt und für alle Ewigkeiten im Berg gebannt. Doch trotz der Bürde, die auf seinen Schuppen lag, sein Name lautet Yordtyamark, stets frei sein Drachenohr, 

 wer immer auch trägt sein Anliegen zu ihm empor, sein Rat sei ihm gewiss und klüger macht als je zuvor. 

 

   Tiro konnte nur ihren Worten Glauben schenken, denn einen eisenfesten Beweis bekam er nie für diese Behauptungen. Wie denn auch? Fürs Erste waren es bloße Geschichten. Einzig die  

Schilderungen ließen ihn in diese fremdartige und doch geheimnisvoll wirkende ferne Welt mit den Gedanken eines neugierigen Kindes sehen und an die Existenz eines Drachen glauben, der zudem vermutlich die Macht der Weisheit besaß. Jedoch hatte er sich den Gedanken gefasst, eines jungen Tages würde er eine lange Reise beschreiten und die Existenz sämtlicher Erzählungen wahrhaftig vor Auge haben, die dann wirklicher als in den Geschichten sein würden. Allein der Gedanke ließ seine Abenteuerlust in die Höhe treiben und wuchs mit jedem weiteren an sie. 

Darauf nahm er schmunzelnd einen kräftigen Schluck aus seinem Blechkrug, den er mit beiden Händen fest umschloss, der mit frischem Mangosaft gefüllt war. 

Volle Krüge wurden mehrmals hintereinander schnell über die Theke geschoben. Sie quollen beim Abzapfen über, als der nächste bereits über die Theke gereicht wurde. 

Der Dorfälteste wohnte den Feierlichkeiten nur selten bei. Sein Haus lag im Nordosten des Dorfes, auf dem Dorfberg. Was Größe und Breite betraf, wies es keine nennenswerten Unterschiede auf im Vergleich zu den anderen Häusern, selbst die Form war schlicht gehalten. 

Er hatte stets ein wachsames Auge über alles. Tag ein, Tag aus spazierte er mit seinem gewundenen Stock durch das Gelände. Er hatte bereits die hundert Jahre überschritten, 

 doch sah er aus wie siebzig. Ruhig, gelassen und fern von jeglichen Erwartungen sah er von außen den Feierlichkeiten zu. 

Im Innern der Taverne sprangen hin und wieder junge Männer ungezügelt auf die Tische und ergriffen das Wort, zogen ihre Schwerter und boten ihrem Ego freien Platz. Sie schrien stolz hinaus, wie sie diese und jene Kreatur einst erlegten. 

Sie berichteten von dunklen Schatten, die aus der Nacht traten, wie sie selbst im dichten Gehölz auf sie lauerten und dann die Klinge unsanft sprechen ließen. Solche Geschichten hörte Tiro immer wieder, unabhängig von den Feierlichkeiten. 

Seine Augen hatten dann immer einen glänzenden Blick. Bewunderung und zugleich Aufregung überkam ihn in solchen Momenten. 

Feron wohnte der Feier nicht bei. Er war im Nachbardorf beschäftigt, auf Bitte des Dorfältesten. Doch ohne ein paar Anweisungen, die er Tiro auf den Weg gab, verschwand sein Ziehvater nicht einfach und zeigte ihm ein paar Regeln auf. Schließlich war er noch ein Kind. Bereits zwölf Jahre alt, aber trotz allem ein Kind. Tiro sollte rechtzeitig wieder zu Hause sein, wenn der Himmel sich schwarz färbte und die Gegend um ihn herum anfing, sich zu verfinstern, so dass man die Hand vor Augen nicht sah. Dann war es Zeit für ihn aufzubrechen. 

Feron sah es nicht gerne, dass Tiro sich in der Taverne herumtrieb. Nur aus einem Grund hatte er ihm gestattet, sich dort aufzuhalten. Denn Torwall war auch dort und sollte es Ärger geben, wäre er rechtzeitig zur Stelle. 

 

Doch statt ein Auge auf Tiro zu haben, stellte er lieber seine Muskelkraft unter Beweis, indem er ein paar Gäste zum Armdrücken herausforderte und umgekehrt. Er hatte großes Vergnügen daran, seine Gegner einen nach dem anderen niederzuringen. Er wusste, dass keiner im Raum es mit seiner Muskelkraft aufnehmen konnte. 

Er erinnerte sich noch gut daran, als er Feron zum ersten Mal begegnete und ihn unterschätzte und zum ersehnten Armduell herausforderte. 

Er blies sein Ego auf und war eisenfest davon überzeugt, Feron zu besiegen. 

Doch statt eines Triumphs des Kolosses, gewann der gewiefte Feron. Mit Technik und Geschick erlangte er den Sieg und setzte damit ein deutliches Zeichen, dass Muskelkraft allein noch lange keinen Sieg garantiert. 

Sie lernten viel voneinander. Und nach einer gewissen Zeit wurden sie schließlich die besten Freunde. 

 

Die Nacht trat langsam heran und dunkle Schatten füllten den Himmel. 

Doch es war auch ein besonderer Tag. Alle fünf Jahre ereignete sich am Nachthimmel ein unvergleichliches Farbenspiel, das als Naturphänomen galt. Der sogenannte Oriantschimmer. 

Sterne leuchteten hell auf, kraftvoller als in jeder anderen gewöhnlichen Nacht. 

Der Himmel wurde in tiefes Rot getaucht und ein Wechselspiel von Farben begann. 

Rot, Orange und Gelb legten sich sanft aufeinander. Ein 

 Farbstreifen auf den anderen, wie bei einem Regenbogen, bis sämtliche Farben aller Art erschienen und voll und ganz ineinander verschwammen. 

Am Himmel entstand ein prachtvolles Meer aus Farben, während feine halbdurchsichtige Farbschleier am Horizont umher tanzten, mit dem Meer verschmolzen und durch die Nacht schwangen. 

Tiro blieb der Mund im Anblick dieses unvergesslichen Schauspiels halb offen stehen, während er neben Torwall und zwischen den anderen Dorfbewohnern stand, die ebenso erstaunt und fasziniert nach oben blickten. 

 

Die Tage zogen ins Land und Feron war immer noch auf Reisen. Ein Vorrat an Brot und Wasser war reichlich vorhanden. 

Dennoch schlich sich Tiro am frühen Morgen klammheimlich mit einem großen Jutesack über dem Rücken aus dem Dorf, denn den Kindern war es nicht gestattet außerhalb der Mauern die Wälder zu betreten – außer ein Erwachsener wäre dabei und würde die Aufsicht tragen, da unzählige Gefahren im Wald lauerten, je tiefer man ins Unterholz kam. 

Tiro hatte nur einen Gedanken, diese wohlschmeckenden und saftigen Früchte zu finden, die ihm einst Feron mitgebracht hatte, die aus dem Eronia Wald stammten. So etwas Besonderes hatte er nie zuvor gegessen und beschloss auf eigene Faust den Wald zu durchqueren, der nur einige hundert Meter außerhalb des Dorfes lag. 

Der unebene Pfad war mit bloßem Auge nur mit Mühe und Not zu erkennen gewesen, da dieser Weg nicht oft beschritten wurde. Das frische Laub unter seinen Füßen klebte an seinen 

Schuhen. Leise wehte der Wind und fuhr durch die dichten Baumkronen über denen ein Vogelschwarm am Himmel entlang zog. 

Nach einigen Minuten Fußmarsch erblickte er hinter einem dichten Gestrüpp eine Baumgruppe, die in einem Kreis angeordnet war. An den Ästen hingen saftig glänzende Früchte in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Ein Paradies für jeden Gaumen. Er breitete den Sack aus, klammerte sich an die dicken Äste und schwang sich nach oben. Von nah sahen sie sogar noch prachtvoller aus. 

Er pflückte eine Frucht nach der anderen und ließ sie in den offenen Sack plumpsen. Aus einer seiner Seitentaschen zog er eine Kordel hervor und schnürte die offenen Enden fest zusammen. 

Der Sack war nun randvoll gefüllt. 

Doch dann fiel ihm auf, dass eine einzige Frucht noch am Ast baumelte und erklomm erneut den Baum, um diese eine Frucht schließlich als Wegzehrung mitzunehmen. 

Als er auf dem Ast saß und nach ihr greifen wollte, huschte aus dem Gebüsch ein wolfsähnliches Wesen hervor, ein Wolkera. Diese Geschöpfe sind doppelt so klein wie ausgewachsene Wölfe, hatten eine etwas kürzere Nase, einen buschigen Schwanz und besaßen gebogene Ohren. Noch dazu waren sie äußerst intelligent, sogar intelligenter als ein Fuchs. 

Er trat vor den Sack und schnupperte daran. 

Tiro schrie sofort wutentbrannt auf. 

»Hey, du, das sind meine Früchte!« 

In den Beißern des kleinen Wolfswesens klemmten aber schon die zusammengeschnürten Enden. Das Tier ließ keinen 

 Gedanken verschwenden und machte sich mit dem Sack davon. 

Rasch schwang sich Tiro hinunter und rannte so schnell, wie es seine Beine ihm erlaubten. 

»Bleib … ge … gefälligst stehen …!«, rief er völlig außer Atem, während er dem Wolkera dicht im Nacken klebte. Das Tier hatte ihn bereits aus dem Wald geführt und flitzte einen Berg hinauf.
 



 

Der Wolkera hatte inzwischen die Spitze erreicht, während Tiro immer noch verzweifelt hinter ihm herrief. Schwer nach Luft ringend, erreichte schließlich auch Tiro die Spitze. Am Rand des Berges stand der Dieb und bereitete sich schon auf den Abstieg vor. 

Tiro schrie aus voller Kehle und aus seiner Stimme drangen Flüche hervor. »Du blödes Vieh, bleib sofort stehen.« 

Der Hang am anderen Ende war äußerst steil, der Wolkera konnte sich kaum auf den Beinen halten und schlitterte am Gefälle entlang, bis er schließlich hinunterpurzelte und mehrmals überschlug. 

Nach ein paar verstrichenen Sekunden rappelte sich das Vieh auf, schüttelte sich und flitzte mit dem Sack erneut davon, als wäre nichts gewesen. 

Tiro blickte über den Rand des steilen Abhangs. Er war sich bewusst, dass der Abstieg kaum möglich sei, ohne den Halt zu verlieren. Zwanzig Meter hoch war der Berg. 

Er musste mit Bedauern feststellen, dass das Vieh nun mitsamt den Früchten über alle Berge war. Enttäuscht und mit gesenktem Kopf wollte er den Rückweg antreten. 

Plötzlich, wie aus dem Nichts, flog ein Vogel über seinem Kopf hinweg. 

Tiro erschrak, verlor das Gleichgewicht und rollte unkontrolliert den steilen Hang hinunter. 

Er spürte das Knacken von Zweigen und das Geräusch von Laubblättern. 

   Dann nahm das Rollen ein Ende. Seine Augen wurden schwer und er verlor kurz darauf das Bewusstsein.
 

Kapitel 2 

Der mysteriöse Fremde 

 

 

 

Als Tiro die Augen wieder öffnete, war der Himmel dunkel. Wer weiß, wie lange er bewusstlos war. Einen kurzen Augenblick, eine Stunde oder vielleicht sogar noch mehr? 

   Er richtete sich auf und klopfte sich erstmal den Dreck von den Klamotten. Dann verspürte er ein leichtes Ziehen an seinem linken Schienbein und bemerkte einen dünnen Schnitt durch den Stoff, der fünf Zentimeter lang war. Dahinter befand sich eine ebenso lange Schürfwunde, die jedoch nicht bedrohlich schien, aber dennoch schmerzte und brannte. 

   Die Bäume, die er sah, waren dunkel und schwarz, als hätte man ihnen die Seele gestohlen. Vorsichtig schlich er durch sie hindurch und immer dichter zogen sie sich zusammen, während das Dämmerlicht auf sie fiel. 

   Es war ruhig im Wald, fast ein wenig zu ruhig. 

   Pflanzenblätter waren vom Tau des frühen Morgens bedeckt. Stetig glitten die nassen Tropfen von den Blättern. 

Nach einem fünfminütigen Fußmarsch über Laub und Erde sah er durch dichtes Buschwerk ein grelles Licht zwischen den Blättern. 

Schritt für Schritt ging er darauf zu und fand sich schließlich auf einer Lichtung wieder. 

Die Sonne war gerade dabei aufzusteigen und aus ihrem Schlaf zu erwachen. 

Auf einmal durchschlug ein lautes Geräusch die Stille. Ein raues Brüllen durchdrang die Waldluft. 

Er drehte langsam, vorsichtig den Kopf. Mit weit aufgeschlagenen Augen, hochgezogenen Brauen und verzogener Miene fuhr er prompt zusammen und fiel rückwärts mit seinem Gesäß auf den erdigen, unebenen Boden. 

Nicht ein Wort kam über seine Lippen, nur ein Bibbern entfuhr seiner Mimik. Tiro konnte förmlich das Schnauben hören, das aus den großen Nüstern kam und den stinkenden Atem spüren. 

Ein Wegrador stand vor ihm. 

Eine grüne, zweimal mannshohe drachenähnliche Kreatur auf vier Beinen mit langem Hals und ohne Flügel. Die mit gewaltigen Klauen und rasiermesserscharfen Zähnen auf ihn herabblickte mit langen schwarzen Pupillen, wie die eines Seeungeheuers, die in Blutrot getaucht waren.
 



 Ihr Blick war so gestochen scharf, als würde sie in ihn hineinsehen können und seine Furcht spüren. 

Sie fletschte die Zähne und öffnete ihren großen Schlund. Tiro war wie versteinert und zitterte am ganzen Leib. 

Plötzlich flog ein schwarzer Schatten durch die Luft. 

Man vernahm den Klang von Metall. Ein Schwert, das aus einer Scheide gezogen wurde. 

Ein gleißendes Licht fuhr durch die Kreatur hindurch. 

Der Kopf trennte sich vom Körper und krachte zu Boden. 

Der Schatten wich allmählich der Sonne, die nun ihr volles Antlitz zeigte. 

Vor der Kreatur und mit dem Rücken zu Tiro gewandt, stand nun ein Mann in einem tiefblauen Wappenrock mit mittellangem, nachtschwarzem Haar. Darunter schauten Augen mit tiefem Glanz hervor, die vor Entschlossenheit nur so leuchteten. Unter seinem linken Auge zog sich eine Narbe schräg bis zum Nasenbein hoch. Auf seinem Kopf saß ein schwarzer Hut mit breiter Krempe und auf den Schultern lag ein samtweißer Umhang, der Hals und Schultern bedeckte.
 



 Unter dem Wappenrock trug er ein schwarzes Untergewand, das aus dem gleichen Material gefertigt war wie der Wappenrock selbst und so robust und widerstandsfähig wie ein Kettenhemd. 

In leicht gebückter Haltung und gebeugten Knien hielt er ein Langschwert schräg vor seinem Körper in beiden Händen fest umschlungen. 

Die Klinge begann im Sonnenlicht zu schimmern. 

Der Wind blies und eine Stille lag im Wald, als wäre die Zeit stehen geblieben. 

Kommentarlos schob der Fremde das Schwert zurück in die Scheide auf seinem Rücken und richtete sich auf. 

Tiro schien wie versteinert, während sein Blick auf dem Umhang des Mannes haften blieb. Ein silberner aufgerichteter Drache mit offenem Maul in einem goldbraunen Wappen zierte die Rückseite. Ihn verschlug es die Sprache, die Worte, die aus seinem Munde kommen wollten, kamen nicht. 

Der Fremde wandte sich um und sprach: 

»Alles in Ordnung, Junge? Bist du verletzt?« 

Völlig starr blickte Tiro zu seinem Retter hinauf. Auf der Brust trug er das gleiche Symbol wie das auf seinem Umhang, nur war es deutlich kleiner. 

Der Fremde zog ein dünnes Fläschchen aus seiner Gürteltasche hervor und löste mit den Zähnen den Korken und ging in die Knie. »Hier, trink das.« Er reichte Tiro das Fläschchen, der jedoch zögerte. 

»Was ist das?«, fragte Tiro verunsichert. 

»Das wird dir helfen. Es lindert deine Verletzungen schneller als jede andere Medizin. Sie besteht aus Tombol.« 

Dann griff Tiro doch nach dem Fläschchen, nahm einen winzigen Schluck und gab es dem Fremden zurück in die Hand. Es schmeckte bitter, so bitter, dass er auf keinen Fall freiwillig einen zweiten Schluck nehmen würde. Der Fremde setzte wieder den Korken auf die Öffnung und ließ das Gefäß wieder in der Gürteltasche verschwinden. Der Geschmack hielt noch eine Weile an und Tiros Gesicht entspannte sich allmählich. 

»Was machst du allein hier draußen?«, fragte er. 

Tiro schilderte die Geschehnisse hauchdünn, aber so, dass man die Zusammenhänge noch nachvollziehen konnte. 

»Verstehe, dann sei froh, dass du noch am Leben bist.« 

Tiros Augen blieben auf der erlegten Kreatur hängen, während er immer noch im Gras saß. 

»Das ist ein Wegrador. Diese Geschöpfe jagen, um zu überleben. Und er hatte sich dich als seine nächste Mahlzeit auserkoren. Ich bezweifle, dass dir niemand gesagt hat, dass die Wälder voller Gefahren sind.« 

Mit halb gesenkten Augen wendete Tiro seinen Blick ab und blickte ins Leere. 

»Dachte ich’s mir doch und trotzdem warst du so töricht. Du hattest ziemliches Glück, weißt du das? Hier in diesen Wäldern trifft man eigentlich den Tod.« 

Tiro war sich nun seiner unfassbaren Dummheit bewusst und dachte, dass er besser zu Hause geblieben wäre. 

»Von woher stammst du, Junge?« 

Tiro sah den Fremden an. »I-Ich komme aus Mitas«, sagte Tiro verunsichert. 

Der Fremde schnaubte tief und hielt seinen Hut. 

»Nun, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als dich nach Hause zu bringen, nicht wahr? Mein Name ist übrigens Gaes und wie ist dein Name, junger Freund?« 

»I-Ich heiße … Tiro«, sagte er mit leicht zögerlicher Stimme. 

Gaes zeigte mit seinem Finger zwischen die Bäume. 

»An einem See ein Stück weiter steht mein Pferd, komm.« 

 

»Tiro folgte Gaes ohne ein Widerwort und das Drachensymbol war wieder vor seinen Augen, das leicht im Wind flatterte. Dann traten letztendlich doch die Worte hervor, die er zuvor nicht aussprechen vermochte. 

»Ihr seid ein Seyd-Meister, habe ich recht?« 

Gaes blieb sofort stehen, als die Worte seine Ohren erreichten, doch ein Wort sprach er nicht. Nur einem Seyd-Meister war es erlaubt, den weißen Umhang mit dem darauf eingestickten Eisernen Drachen zu tragen. 

Tiro konnte es einfach nicht glauben und fragte erneut. 

»Seid ihr wirklich einer der größten Elitekrieger, ein Seyd-Meister?« 

Dann löste sich sein Schweigen. 

»Ja, ich bin ein Seyd-Meister. Doch glaube nicht alles, was in den Büchern geschrieben steht.« 

»Warum? Ihr seid ein Held.« 

»Helden führen keine Befehle aus, sie handeln aus freien Stücken und mit dem Herzen am rechten Fleck. Ich dagegen befolge lediglich Befehle.« 

»Ihr seid viel zu bescheiden«, sagte Tiro, der hell lächelte. Dann setzten beide ihren Weg fort. 

 

Nach einigen Schritten hörten sie von Weitem das Wiehern eines Pferdes. Sie schoben die letzten Zweige auseinander, die ihnen die Sicht verdeckten. 

Und da stand es. 

Ein schwarzer Hengst mit Geschirr und Sattel. Es stand direkt vor einem kleinen See und wartete voller Ungeduld. Als es jedoch Tiro sah, wurde es leicht unruhig. 

Es wieherte wild auf und streckte die Vorderbeine in die Höhe. 

Sofort ergriff Gaes die Zügel. 

»Ruhig, Blaze, ruhig.« 

Mit sanften Worten und streichelnden Händen beruhigte Gaes das Pferd, das mit der Anwesenheit des Jungen wohl kaum gerechnet hatte. 

Dann trat Tiro vorsichtig an das Ross heran. 

»Nicht!«, rief Gaes. 

Doch Tiro ignorierte die Aufforderung. 

Das Pferd schnaubte mehrmals tief ein und aus. 

Vorsichtig näherte sich Tiros Rückhand dem wild schnaufenden Tier. 

Sanft strich er mit den Fingern über den Kopf von der Stirn bis zur Nase im Auf und Ab. 

»Ruhig, Großer«, redete Tiro dem Pferd leise zu. Und das Pferd beruhigte sich allmählich, woraufhin das wilde Schnauben verschwand und ein wohlwollendes Brummeln erklang. 

Gaes war leise in Gedanken versunken, verschränkte die Arme vor der Brust und schmunzelte. Er war erstaunt, denn normalerweise ließe sich Blaze nicht von einem Fremden anfassen. 

»Blaze war dein Name, oder? Ganz ruhig, ich tu‘ dir nichts. Dann drehte er seinen Kopf zu Gaes. Wir haben in unserem Dorf auch ein paar, die mehr als schwer zu bändigen sind. 

»Verstehe«, sagte Gaes, der aber immer noch verblüfft schien. 

Dann legte er seinen Umhang und den Wappenrock ab und verstaute alles in den Satteltaschen.